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Eine Reportage aus dem OSTFRIESLAND MAGAZIN, Ausgabe 2/2004 (Autor: Thomas Schumacher, Fotos: Schumacher / SKN Bildarchiv, Copyright: SKN Druck und Verlag GmbH & Co. Kg, Stellmacherstraße 14, 26506 Norden) |
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„Das Krabbensüppchen ist nicht wegzudenken aus der ostfriesischen Gastronomie. Eine Mahlzeit mit frischem Granat lässt einem die Augen funkeln. Aber kennen Sie schon die Emder Spezialität Krabben-Zahnpasta? Thomas Schumacher berichtet.
Mit Krabben Zähne putzen Er hat überhaupt nicht gebohrt“, mit diesem Satz bestätigen sich derzeit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Institutes für Umwelttechnik (EUTEC) an der Fachhochschule in Emden ihre wissenschaftliche Klasse. Denn die Damen und Herren putzten sich verschärft die Zähne, keine Chance für Zahnärzte. Die Emder Tüftler haben nämlich eine Zahnpasta erfunden. Kein Brüller? Doch! Die Emder Zahnpasta „Chitodent“ wird aus den Panzern von Krabben gemacht. Kein Scherz. Derzeit ist sie die einzige Zahnpasta dieser Art in Europa – frisch aus dem Meer. „Aus dem Chitin der Krabbenschalen gewinnen wir Chitosan. Das ist ein wahres Wundermittel“, weiß Projektleiter Professor Michael Schlaak von der FH Emden (siehe auch Interview). Seit 1990 wird im EUTEC mit Chitosan experimentiert. Aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung wurde das Projekt zur Verfahrensentwicklung und Herstellung von Produkten aus Chitosan gefördert. Aber warum gerade Zahnpasta? „Unser Konzept war es, in Kooperation mit ostfriesischen Betrieben ein Produkt aus der Region zu entwickeln und es zur Marktreife zu bringen“, sagt Schlaak. Da in der Literatur Zahnpasta als ein mögliches Produkt aus Chitosan beschrieben wird, haben die Emder eins und eins zusammengezählt. In Ostfriesland gibt es die besten Krabben direkt vor der Haustür. In Kooperation mit der Neuharlingersieler Fischereigenossenschaft kamen die Wissenschaftler billig an den Rohstoff Krabbenschalen. „Jetzt mussten wir nur noch ein Verfahren entwickeln, günstig aus dem Chitin der Krabben unser reines Chitosan herzustellen“, erklärt Chemiker Wolfgang Lindenthal. Dies geschieht zunächst in einem Reaktor, der mit Hilfe von verdünnter Natronlauge Fleischreste und mit Salzsäure Kalk aus den Krabbengerüsten wäscht. „Man könnte auch Tintenfische verarbeiten“, überlegt Lindenthal. Aber erstens gibt es in der Nordsee wenig Tintenfische und zweitens haben die nur einen Chitin-Anteil von zehn Prozent (Krabben dagegen bestehen aus 60 Prozent Chitin). Das Tintenfisch-Chitin bekam EUTEC aus Emden von Costa. Die machen unter anderem Tintenfischringe. „Andere Hersteller fangen ausschließlich für Chitosan Krill oder kleine Krabben. Das halten wir für ökologisch nicht richtig“, stellt Wolfgang Lindenthal klar. In einem zweiten Reaktor wird das gereinigte Chitin mit konzentrierter Natronlauge (Deacetylierung) zum Chitosan veredelt. „Je reiner unser Grundstoff ist, desto mehr Anwendungsmöglichkeiten haben wir“, weiß Wolfgang Lindenthal. Das helle Pulver hat dann beste Chancen in vielen Anwendungsbereichen, etwa in der Medizin, der Pharmazie, der Kosmetik und in der Umwelttechnik. „Wir haben uns unter anderem für die Zahnpasta entschieden, weil wir wussten, dass große Konzerne ihre Patente auf Krabbenzahnpasta unter Verschluss halten und keiner dran geht, eine zu produzieren“, meint Michael Schlaak. Außerdem lief gerade ein japanisches Patent ab. Auf dieser Basis mischte Kristina Weiß im Labor zusammen, was eine gute Zahnpasta braucht – und hatte Erfolg! „Im Grunde kann man der Zahnpasta alle Geschmacksrichtungen geben, nur nach Fisch sollte sie auf keinen Fall schmecken“, freut sie sich über ihre Arbeit. Um auch beim edelsten Zahnpasta-Geschmack an die Herkunft ihres Produktes erinnert zu werden, hält sie sich ihr Labortierchen „Squiddy“. Ernsthaft heißt der Herr „Loligo“ und ist ein Tintenfisch. Ziemlich abwesend glotzt er aus seinem Glas in einer hochprozentigen Alkohollösung. Eigentlich hatten sich die Emder eine richtig runde Sache vorgestellt. Krabbenschalen von ostfriesischen Fischern sollten in den Reaktor wandern. „Wir hätten den Fischern sogar etwas für die Schalen zahlen wollen“, meint Projektleiter Schlaak. Dann sollte ein ostfriesischer Betrieb das Chitosan kostengünstig herstellen, um es einem regionalen Hersteller für Zahnpasta zu liefern, der dann das Produkt Chitodent („die mit den Wirkstoffen des Meeres“) vermarktet. „Das Konzept ist rund“, sinniert Professor Schlaak. Allein, die Krabbenindustrie ging andere Wege. Ostfriesische Krabben werden zum größten Teil über Europas führenden Krabbengroßhandel Heiploeg in den Niederlanden vertrieben. Für die ist es zu teuer, die Krabben hier vor Ort pulen zu lassen. Es kling absurd, aber es ist billiger, die europäischen Krabben zum Pulen nach Marokko (früher auch Polen) zu schicken. Von da aus gehen die Schalen als Hühnerfutter bis nach Pakistan. Die meisten Fischer sind durch langfristige Verträge an Heiploeg gebunden. „Obwohl wir die Krabben vor der Tür haben, fehlt uns der Rohstoff Krabbenschale. Ein Versuch der Fischereigenossenschaft Neuharlingersiel, die Krabben vor Ort zu pulen, ist leider gescheitert“, ärgert sich Wolfgang Lindenthal. Jetzt bekommen die Emder zwar noch die so genannten Siebkrabben, kleine Krabben, die nicht auf den Tisch kommen, aber bei denen wird dann auch nicht das Fleisch genutzt. Weil die technische Entwicklung zur Produktion von Chitosan in Emden abgeschlossen ist und das Verfahren zur Herstellung von Zahnpasta zumindest im Labor klappt, soll Chitodent im Januar oder Februar auf den ostfriesischen Markt kommen. Als Rohstoff für die nächste Zukunft soll Chitin aus China kommen. „Wir forschen jetzt weiter mit chinesischem Chitin“, sagt Michael Schlaak. Immerhin, einen Vermarkter für Chitodent haben die Emder Wissenschaftler schon gefunden. Die Firma B&F Elektro aus Filsum/Detern ist zwar eher bekannt für elektrische Prüfanlagen. Aber: „Meine Tochter hat in Emden ihre Diplomarbeit als Biologin gemacht und wir möchten gerne in unserem Betrieb den Bereich „Biotechnik“ installieren. Da kommt uns die Zahnpasta gerade recht“, so Helmut Fokken, Chef von B&F Elektro. Der risikofreudige Unternehmer kann gar nicht mehr warten, bis Chitodent endlich in den Warenregalen ostfriesischer Geschäfte liegt: „Ich habe Proben immer wieder zum Testen an Geschäftsfreunde geschickt. Das Produkt kommt gut an.“ Ein hoffnungsvoller Start, denn eine Erfahrung aus dem Einzelhandel zeigt, eine neue Zahnpasta am Markt zu etablieren, ist eigentlich nur möglich, wenn man andere verdrängt. Über Qualität ist da nicht viel zu machen. „Ab einem gewissen Qualitätsniveau ähneln sich alle Zahnputzmittel. Da nutzt es uns nichts, dass Chitodent zehn Prozent mehr Putzkraft hat als andere, durch Chitosan Bakterien absorbiert werden, die Heilung von kleinen Rissen im Mund gefördert und um die Zähne ein Schutzfilm gelegt wird“, bedauert Michael Schlaak. Das Zauberwort heißt Werbung. Und dafür fehlt Chitodent das Kapital. „Wir werden also erstmal versuchen, den ostfriesischen Markt zu bedienen“, gibt Chemiker Wolfgang Lindenthal die Parole aus. Also: schlechte Zeiten für ostfriesische Zahnärzte!“
Das Emder Institut für Umwelttechnik – EUTEC – ist eine Einrichtung der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven. Es ist Bestandteil der FH Emden. Seit 1990 wird hier auf dem Chitosangebiet geforscht. Im Rahmen des Niedersächsischen Forschungsschwerpunktes Meeresbiotechnologie wird am EUTEC Institut die enzymatische Umwandlung von Chitin in Chitosan untersucht. Ein wesentliches Arbeitsgebiet ist die Verwendung von Chitosan zur Absorption von Schwermetallen aus Flüssigkeiten. Ein entsprechender Apparat, ein Ionentauscher wurde bereits am Institut hergestellt und ein Patent angemeldet. Ein weiterer Schwerpunkt ist die biologische Abwasserreinigung mit Hilfe von Chitosan.
In zwei großen Reaktoren werden die Krabbenschalen gereinigt und dann in Chitosan umgewandelt. Wolfgang Lindenthal überwacht den Prozess.
Links : die gereinigten Krabbenschalen. Rechts : In einem drei Liter Topf mischt Kristina Weiß die Zahnpasta nach einer geheimen Rezeptur zusammen.
Die nächste Ölpest kommt bestimmt
Ein Interview mit Professor Michael Schlaak von EUTEC der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven. Was hat Zahnpastaforschung in einer Hochschule verloren? Schlaak: Die Fachhochschulen haben den Auftrag, praxisorientiert zu arbeiten und mit der Industrie zu kooperieren. Im Übrigen betreiben wir keine Zahnpastaforschung, sondern erarbeiten ein Modell zur Herstellung von Chitosan, das wir dann gerne der regionalen Wirtschaft zur Verfügung stellen. Wie haben denn die Ostfriesen auf ihr Angebot mit Chitosan reagiert? Schlaak: Sie wissen selbst, dass Ostfriesland kein industrielles Ballungsgebiet ist. Aber gerade die Zahnpasta zeigt, wie sinnvoll eine Kooperation ist. Sie haben einen Partner für den Vertrieb, aber die Fischer spielen nicht mit. Schlaak: Wir entwerfen nur das Modell. Unser Konzept ist rund. Wenn sich unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen der Transport der Krabben nach Marokko nicht mehr lohnt, werden die Fischer dankbar für unser Angebot sein. Und dann würde die Produktion von Chitodent rentabel sein? Schlaak: Im großen Stil? Wenn alle Fischer mitmachen würden, ja. Dann hätten wir sogar einen beispielhaften ökologischen Kreislauf. Welche weiteren Möglichkeiten haben Sie denn, Chitosan unter die Ostfriesen zu bringen? Schlaak: Interessant ist der Stoff gerade für Ostfriesland für die Reinigung von Gewässern. Wir können Chitosan sogar in der Ölbekämpfung einsetzen. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, wann es an Ostfrieslands Küsten zu einer dramatischen Ölkatastrophe kommt. Und Sie entwickeln technische und biologische Instrumente dagegen? Schlaak: Ja, wir haben auch schon einige Lösungen gefunden. Unser Problem ist es aber nicht mit Hilfe der Forschung irgendwelche Geheimnisse zu lüften, unser Problem ist schlicht und ergreifend das fehlende Geld. Wir haben keinen eigenen Forschungstopf. Wir müssen alle Gelder für unsere Forschungen selbst einwerben. Für Innovation, Entwicklung und Investitionen ist aber in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in Deutschland dummerweise kein Geld vorhanden. Wir wissen heute nicht, ob wir morgen überhaupt noch arbeiten können.
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